Ein Film über das Angewiesen sein auf andere

Das Filmfestival in Locarno will, so der neue künstlerische Leiter Olivier Père, vor allem jungen Autoren eine erste Plattform bieten. In seiner 63. Ausgabe scheint ihm das gut zu gelingen. Ein Beispiel ist der berührende belgisch-ponische Film "Beyond the Steppes". In ihrem Erstlingsfilm erzählt Vanja D’Alcantara die Geschichte einer jungen Polin, die im Zweiten Weltkrieg nach Russland deportiert wird.

Ende August 1939 unterzeichnen Hitler und Stalin einen Nichtangriffspakt.  Die Folge: Polen wird von Deutschland und von der Sowjetunion überfallen und aufgeteilt. Die junge Polin Nina wird mit ihrem Baby von der Roten Armee in die tiefste Steppe Zentralasiens verschleppt. Dort muss sie zusammen mit andern Frauen in einer Sowchose Zwangsarbeit leisten. Als ihr Sohn erkrankt, macht sich Nina auf die Suche nach Medikamenten. Mit Hilfe kasachischer Nomaden gelangt sie schliesslich in die eine zwei Tagereisen entfernte Kleinstadt, wo sie im Spital das Nötigste erhält. Doch in der Zwischenzeit stirbt ihr Kind.

Nur dank einer Freundin findet Nina zurück ins Leben. Ihr verdankt sie es auch, dass sie es wagt, ihren Mann, einen ponischen Offizier zu suchen, nachdem der Angriff Hitlers auf die Sowjetunion die Lage der Verschleppten Polinnen verändert hat. Mit der Wiederbegegnung der beiden endet der Film. Offen bleibt, wie die sechs Jahre Getrennten nach der Katastrophe, jenseits der Steppen, ein neues Leben beginnen können.

Alltag im Arbeitslager

Der Marsch durch die weiten Steppen Kasachstans, das Leben der Frauen im Arbeitslager, ständig überwacht von Aufsehern, die monotone, harte Arbeit im Obertag-Kohleabbau: der Film fängt den Alltag in einem Arbeitslager ein, lässt die Atmosphäre, die Landschaften wirken.

D’Alcantara versteht es, die grossen geschichtlichen Zusammenhänge ganz aus der Perspektive der polnischen Zwangsarbeiterinnen wiederzugeben. Es fehlen die erklärenden Einsichten, doch werden die Zuschauer hineingenommen in das Schicksal dieser Frauen.  Die Schrecken des Kriegs, die Entbehrungen, der ständig präsente Tod: die Regisseurin bringt die Gewalt, der diese Frauen ausgesetzt sind, ins Bild, ohne Kriegs- oder Gewaltszene.

Geschichte der eigenen Grossmutter

Vor allem aber gelingt es ihr, die Geschichte von Nina zu erzählen, ohne sie zur Heldin zu machen. Das ist nicht selbstverständlich, ist doch der Film inspiriert von einer realen Geschichte. "Ich bin mit dem Stoff aufgewachsen", erzählt die Autorin, "meine Grossmutter hat das erlebt. Ich habe ihren Lebensmut, ihre Würde bewundert. Das hat mich sehr beeindruckt und geprägt."

Woher die Kraft nehmen, um weiter zu leben in der Gefangenschaft, einer aussichtslosen, lebensfeindlichen Umgebung ausgesetzt? Mitten in einer grossartigen und doch auch trostlos endlosen Steppe? Beyond the Steppes sucht Antworten darauf, ohne sie wirklich zu geben. Gewiss, Nina kämpft für ihr Kind, das ist ihr Antrieb. 

Da sind auch die andern deportierten Frauen. Das hält sie aufrecht, auch wenn jede zuletzt um ihr eigenes Überleben kämpft. Nomaden, die den fremden Frauen weiterhelfen, auch dies ohne Worte, ohne Verständigung. Ein Film über das elementare Angewiesensein auf andere.


11.08.10





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